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Schnee von Gestern

Prof. Dr. Wolfgang Behringer

HENN Akademie, 19. März 2009

Der Planet habe Fieber, er brauche einen Arzt, das Klima sei krank und aus dem Gleichgewicht geraten: So oder ähnlich lauten die Metaphern, die die Debatte über den Klimawandel beherrschen. Mit Hilfe der Kulturgeschichte lassen sich für die letzten 1000 Jahre Zusammenhänge rekonstruieren, die diese Sichtweise in Frage stellen. Damit soll weder der Vorgang der globalen Erwärmung oder ein anthropogener Einfluss bestritten werden, noch die Notwendigkeit, sich auf dieses Phänomen einzustellen. Mit Hilfe des historischen Gedächtnisses scheint es vielmehr möglich, einer unkritischen Datengläubigkeit entgegen zu steuern und eine Korrekturfunktion wahrzunehmen. Klimawandel an sich ist weder gut noch schlecht. Oder genauer: Was für den einen gut ist, kann für den anderen schlecht sein.

Vielen Beiträgen zum Klimawandel liegt die Auffassung von einem vermeintlichen Gleichgewicht des Klimas zugrunde, das verloren gegangen sei. Aber die Metapher ist sinnlos, denn das Klima war immer im Wandel. Kurvendiagramme mit Durchschnittstemperaturen der vergangenen 1000 Jahre, die die Form eines Hockeyschlägers aufweisen, haben es zu einiger Popularität gebracht. Sie zeigen einen relativ geraden „Griff“ im Bereich eines vormodernen „Gleichgewichts“ und eine markante Krümmung nach oben, wo das Industriezeitalter beginnt. Solche Darstellungen sind kritisch einzuschätzen, wenn damit historische Klimavariationen relativiert werden sollen. Sie beruhen auf einer wissenschaftlich fragwürdigen Kombination bloßer Schätzungen aufgrund ausgewählter indirekter Klimaanzeiger (z.B. Baumringe) und aktueller Spitzenwerte, die auf Instrumentenmessungen beruhen, mit Hochrechungen für das 21. Jh. Ähnlich erzeugte Darstellungen, die einen parallelen Verlauf der CO2-Konzentration aufzeigen, scheinen solche Analysen zu untermauern.

Die Periode einer deutlichen Abkühlung in den vergangenen 1000 Jahren wird in der Forschung als kleine Eiszeit bezeichnet. Sie begann um 1300 und erreichte im 16. und 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die Klimaverschlechterung ist als solche nicht in unserem historischen Bewusstsein verankert, sondern muss erst rekonstruiert werden. Das Gleiche gilt für die komplexen Interaktionen von Naturkatastrophen, sozialen Auswirkungen, innen- und außenpolitischen Konsequenzen, Folgen für Mentalität und Weltbild sowie die Religiosität der Epoche. Auch die Suche nach den Schuldigen trat in zeittypischer Form auf: Für die kleine Eiszeit lassen sich die zunehmenden Hexenverfolgungen mit dieser Bestrebung in Verbindung bringen.

Der „Schnee von gestern“ hat Folgen bis heute, denn die Lagen der Städte und Dörfer sind an die globale Abkühlung der kleinen Eiszeit angepasst. Zu den Anpassungsbemühungen der Menschen dieser Zeit gehörte auch eine Bauweise der Häuser in Stein anstelle der bis dahin üblichen Holz- und Lehmbauten. Damals begannen der Siegeszug des Fensterglases, die Vorliebe für Vorhänge, Holzvertäfelungen, Teppiche, und die Verbesserung der Heizungstechnik durch Hitze speichernde Kachelöfen.

Die globale Abkühlung der kleinen Eiszeit wurde schließlich mit Wissenschaftsrevolution und Industrialisierung bewältigt. Heute sind unser Wissen und unsere technischen Möglichkeiten für eine Anpassung an den Klimawandel größer als jemals zuvor. Dabei erscheint es angesichts kommender Energiekrisen eher vorteilhaft, dass es nicht kälter, sondern wärmer wird. Manche Klimaforscher wundern sich darüber, dass Politik und Öffentlichkeit nicht alarmierter sind, aber das wäre sicher anders, wenn eine Abkühlung bevorstünde.

Prof. Dr. Wolfgang Behringer lehrt als Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. In Buchpublikationen wie „Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit zur globalen Erwärmung“ beschäftigt er sich mit der Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit, weitere Schwerpunkte bilden die Stadtgeschichte sowie die Kommunikations- und Mediengeschichte.

Wolfgang Behringer
Prof. Dr.