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Die Idee der Urbanität

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin

HENN Akademie, 23. April 2009

Die Idee der UrbanitätPhilosophische Anmerkungen zu einem umkämpften Begriff.

Es lohnt sich, einmal von der Philosophie her den Begriff der Urbanität zu befragen, denn so entgeht man dem unbefriedigenden Streit, welche der existierenden Städte und Stadtentwürfe wirklich „urban“ sind und welche nicht. Philosophisch nähert man sich der Urbanität als einer „regulativen Idee“, die Regeln für die Praxis nach sich zieht. Dabei soll die alltägliche Praxis der öffentlichen Verständigung an den Anfang der Überlegungen gestellt werden, um von dort aus zu einer „Ethik der gebauten Umwelt“ zu gelangen, die nicht „von oben herab“ argumentiert. Es geht also um die Frage, was immer schon unter einer „guten Stadt“ verstanden wird. Urbanität heißt: Normativität der Stadt.

Eine Ethik der gebauten Umwelt, die so ansetzt, weist vier Grenzen auf:

• Humanistischer Individualismus, d.h.: Individuen haben Rechte. Das gilt selbst dann, wenn die Anerkennung dieser Rechte in der Summe Nachteile zur Folge haben sollte.

• Kooperation verweist auf die Zivilgesellschaft. Damit sie zustande kommen kann, dürfen die Individuen nicht lediglich ihr eigenes Wohl im Auge haben. Und sie müssen Differenzen beilegen und sich einigen können auf eine gemeinsam gewünschte Praxis.

• Kollektive Identitäten entstehen durch Zugehörigkeitsgefühle. Die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen kollektiven Identitäten, die sich überlappen können, prägt die eigene individuelle Identität. Zwischen persönlicher Identität und kollektiven Identitäten muss eine Balance erreicht werden.

• Vielfalt und Toleranz aus Respekt: Es geht nicht um möglichst viele und möglichst reine Identitäten, sondern um Menschen, die sich anerkannt fühlen. Zur Vielfalt gehört die normative Unterfütterung von gleicher Anerkennung und gleichem Respekt.

Seit einigen Jahren ist eine massive Erosion der politischen Gestaltungskraft in den Kommunen zu beobachten, die mit dem Rückgang ihrer finanziellen Ausstattung in Verbindung steht. Bei einer verschärften Konkurrenz der Industriestandorte um Investoren bleibt zudem wenig Raum für Visionen der Stadtentwicklung. Hinzu kommt eine Erosion der Bürgerschaft, in dem Sinne von Bürgern, die sich bei Stadtentwicklungsprojekten einbringen wollen. Frustrierend wirken Planungsreferate, die die Bürger erst dann einbeziehen, wenn im Grunde genommen alles entschieden ist. Es geht darum, eine Balance herzustellen zwischen utopischen Potentialen einerseits und der Anpassung an Interessenlagen andererseits.

Das gute Leben hängt in hohem Maße ab von öffentlichen Gütern, die für alle zugänglich sind, unabhängig von der jeweiligen ökonomischen Leistungsfähigkeit. Im Falle der Stadt kann man von öffentlichen Gütern sprechen, wie auch von öffentlichen Räumen. Die Güter dienen dazu, Menschen unabhängig zu machen. Dazu gehört, dass man ohne Angst abends auf die Straße gehen kann, dass Kinder selbst zur Schule gehen können, dass man sich auf öffentlichen Plätzen treffen kann. Diese öffentlichen Güter haben für die Stadtbürgerschaft eine inklusive Funktion. Es geht um Inklusion, gar nicht so sehr um „Verteilung“. Die Stadt wäre demnach eine Maschinerie der Produktion öffentlicher Güter. Erst durch deren Zugänglichkeit wird eine Öffentlichkeit etabliert.

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin studierte Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaft und lehrte Philosophie u.a. in Minnesota, Göttingen und Berlin. Er war Kulturstaatsminister von 2001-2002 und hat seit 2004 einen Lehrstuhl für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne.

Julian Nida-Rümelin
Prof. Dr.