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Das Kulturelle Gedächtnis

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann

HENN Akademie, 10. Juni 2009

Die Kultur als Ganze ist das nicht biologisch vererbbare Gedächtnis der Menschheit. Das zum Überleben notwendige Wissen, das in der Tierwelt durch ein enges Zusammenspiel von genetischer Anlage und elterlichem Training von Generation zu Generation weitergegeben wird, muss und kann in der Menschenwelt über symbolische Codes wie die Sprache, aber auch visuelle und sonstige Zeichen aller Art nicht nur weitergegeben, sondern vor allem auch akkumuliert und erweitert werden.
Dadurch wird in der Menschenwelt, anders als in der Tierwelt, eine kulturelle Evolution möglich, die die Menschen in einem zunehmend atemberaubenden Tempo über die natürlichen Grundlagen ihrer Spezies hinausführt. Man kann dies als den Fortschrittsaspekt der Kultur bezeichnen, der sich in immer komplexeren Aufgaben der Versorgung, Kommunikation, Kontrolle usw. äußert. Der Mensch ist aber nicht nur das Tier, das statt in einer artspezifischen Umwelt in einer optimierungsoffenen, symbolisch konstruierten Sinnwelt lebt, sondern auch das Tier, das seine Toten bestattet und von seiner eigenen Endlichkeit weiß. Der Begriff des kulturellen Gedächtnisses soll auf diesen zweiten Aspekt beschränkt werden, der umso stärker hervortritt, je weiter man in frühere Epochen zurückblickt.
Bei diesem zweiten Aspekt geht es nicht um Lebenstüchtigkeit und Weltbeherrschung, sondern zentral um Erinnerung und um den Kontakt mit den Toten bzw. dem Jenseits. Dieses Gedächtnis erlaubt es dem Menschen, über seine eigenen Lebensdaten, über Geburt und Tod hinaus zu denken und sich so in größeren Zeiträumen zu orientieren. Sowohl den Ahnen zu folgen und ihnen Opfer darzubringen, als auch die Mythen zu erzählen und ihnen zuzuhören, sind Akte der Erinnerung. Aus den Grundimpulsen des Ahnenkults und der mythischen Zeitorientierung haben sich Religion, Kunst und Geisteswissenschaften entwickelt.Unsere modernen Formen von Kontaktnahme mit dem kulturellen Gedächtnis haben jedoch fast alle Spuren einer festlichen und rituellen Abgrenzung vom Alltag verloren.
Insoweit ist das „kulturelle Gedächtnis“ eine Kulturtheorie. Der Begriff steht aber zugleich für eine bestimmte Gedächtnistheorie. Nach dieser unterscheidet sich das kulturelle Gedächtnis von anderen Formen des menschlichen Gedächtnisses. In diesem unterscheiden wir drei Dimensionen, die individuelle, die soziale und die kulturelle. Unser Gedächtnis ist erstens ein individuelles, neuromentales Phänomen. Es wird von Psychologen, Hirnforschern und Philosophen untersucht, die sich für die Lokalisierung, die Leistungsfähigkeit und auch für die Pathologie des Gedächtnisses interessieren. Zweitens ist das Gedächtnis, wie Bewusstsein und Sprache auch, ein soziales Phänomen: Erst im Umgang mit anderen bilden sich die als Möglichkeit in uns angelegten Gedächtniskapazitäten aus und füllen sich mit Inhalten und Strukturen. Es handelt sich dabei aber um zwei Dimensionen ein und desselben Gedächtnisses, das einerseits eine Sache unserer Hirnzellen ist und in allen Sinnen und Fasern unseres Körpers steckt, und das andererseits, wie das Bewusstsein überhaupt, sich erst in der Interaktion mit anderen aufbaut und entfaltet.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann studied Egyptology, Archeology and Greek studies in Munich, Göttingen, Paris and Heidelberg. From 1976 to 2003 he taught Egyptology in Heidelberg and since 2005 has been honorary professor for general cultural studies and religious theory in Konstanz. Visiting professorships took him to Jerusalem, Paris, Yale and Chicago.

Jan Assmann
Prof. Dr. Dr. h.c. mult.