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Die Stadt

Prof. Dr. Josef H. Reichhof

HENN Akademie, 14. Juni 2007

Am Anfang war die Natur. Dann kamen die Städte, breiteten sich aus und fraßen sie auf. Sie ersetzten das Natürliche durch das Künstliche der totalen Menschenwelt. Bäume und Blumen werden darin nach den Vorstellungen der Menschen gepflanzt, andere Lebewesen allenfalls geduldet. So etwa lässt sich das gängige Klischee über den Kontrast zwischen Stadt und Natur fassen. Das ist falsch.

Die Entwicklungen haben die Vorstellung des Fehlens von Natur widerlegt. Tatsächlich leben in den Städten durchschnittlich erheblich mehr Arten von Tieren und Pflanzen als auf gleich großen Flächen in der „freien Landschaft“. Sogar Naturschutzgebiete enthalten oft einen geringeren Artenreichtum als Großstädte. So brüten im 880 km² großen Stadtgebiet von Berlin Vertreter von zwei Dritteln aller Brutvogelarten Mitteleuropas. Sogar im weit dichter bebauten München kommt mit 110 Arten die Hälfte aller bayerischen Brutvogelarten vor. Viele seltene Arten sind darunter.
Der Artenreichtum nimmt mit der Größe der Städte kräftig zu. Die Häufigkeit der Vögel in den Städten übertrifft das Umland bei weitem. Im Durchschnitt kommt auf jeden Einwohner wenigstens ein Vogelbrutpaar. Millionenstädte sind somit auch Millionenvorkommen von Vögeln. Sehr reichhaltig ist das Artenspektrum von Schmetterlingen und wild wachsenden Pflanzen. Das Stadtgebiet von Nürnberg übertrifft gleich große Flächen des Umlandes an Pflanzenarten um das Doppelte.
Bei den empfindlich auf Umweltfaktoren reagierenden Schmetterlingen zeigt sich der Grund für den hohen Artenreichtum in den Städten am augenfälligsten. Wo das überdüngte, landwirtschaftlich intensiv genutzte Umland beginnt, stürzt ihre Vielfalt regelrecht ab. Aufgrund der Entwicklungen in der Landwirtschaft sind die Städte zu Inseln und Archipelen des Artenreichtums in der Kulturlandschaft geworden. Ihr Potenzial für frei lebende Tiere und Pflanzen sollte nicht länger unterschätzt werden, nehmen Stadtlandschaften doch mehr als das Fünffache an Fläche ein wie Naturschutzgebiete in Deutschland.
Für manche Arten stellen die Großstädte mittlerweile regelrechte Refugien dar, wie z. B. Berlin für über 1000 Brutpaare von Nachtigallen. Mit guten Erfolgen brüten auf Türmen und hohen Gebäuden die vor wenigen Jahrzehnten noch vom Aussterben bedrohten Wanderfalken. Für den Artenreichtum in den Städten gibt es vier Hauptgründe: Sie sind reich an Strukturen, die Böden und Anlagen wenig oder gar nicht gedüngt und es gibt nahezu keine Verfolgung frei lebender, ansonsten scheuer Tiere. Zudem begünstigt die Wärme der Stadt den Artenreichtum. All dies sollte bei der Stadtentwicklung ungleich stärker als bisher geachtet werden. Die vielfach geforderte Nachverdichtung ist entsprechend kritisch zu betrachten. Sie droht die Zentren des Artenreichtums zu vernichten.

Prof. Dr. Josef H. Reichholf ist seit 1974 als Wissenschaftler an der Zoologischen Staatssammlung in München tätig als Leiter der Hauptabteilung Wirbeltiere. Umfangreiche Lehrtätigkeit an beiden Münchner Universitäten, darunter in den 1980er Jahren auch Vorlesungen zur Stadtökologie im Rahmen des Städtebaulichen Aufbaustudiums der Fakultät für Architektur der TUM. Prof. Reichholf ist Mitglied der Kommission für Ökologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Träger der "Treviranus-Medaille", der höchsten Auszeichnung für deutsche Biologen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ökologie und Evolutionsbiologie.

Josef H. Reichholf
Prof. Dr.