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Die Agora im Unternehmen

Prof. Dr.-Ing. Gunter Henn

TU Dresden, im Rahmen der Konferenz „Agora und Void. Die Inszenierung der Mitte in Architektur und Städtebau“, 24. Juni 2011

Der Begriff der Agora führt ähnliche Bedeutungen mit sich wie „Forum“ oder „Plaza“. Werden damit Bauten staatlicher oder kommunaler Institutionen beschrieben, geht dies in der Regel mit hohen Erwartungen an „etwas Gesellschaftliches“ einher, das sich dort abspielen soll. In der Privatwirtschaft sind es zumeist Gebäude des Einzelhandels, die durch öffentliche Bereiche belebt und attraktiv gemacht werden. „Agora“ greift dabei maximal weit zurück, genau genommen bis an den Beginn der archaischen Kultur und das Aufleben der attischen Demokratie vor fast 3000 Jahren. Mit der Agora entstand das Prinzip des Synoikismos, das ist die Vereinigung mehrerer unabhängiger Dörfer und Adelshäuser („Oikoi“) zu einer Stadt, einer „Polis“. Ein ähnlicher Zusammenschluss lässt sich im selben Zeitraum für das Forum Romanum beobachten. Charakteristisch für die Polis ist, dass vordem unabhängig agierende „Häuser“ bzw. Familien in einen neuartigen Verband eintreten, ohne jedoch zu verschmelzen.

Die damit einhergehende Steigerung der gesellschaftlichen Komplexität wird an entscheidender Stelle durch Architektur und durch Städtebau in die Wege geleitet. Zuvor war der Warentausch zwischen den einzelnen „Häusern“ nur im Außerhalb und nur an besonderen Orten möglich, an denen Gegenstände hinterlassen bzw. weggenommen wurden. Diese prekäre Einrichtung einer potentiellen Begegnung mit Fremden – darauf hat der Soziologe Dirk Baecker aufmerksam gemacht – erscheint nun mitten in der Stadt, die dadurch erst zur Stadt im uns vertrauten Sinne wird: als ein Ort des Austauschs unter Fremden, die einander fremd bleiben dürfen.

Die Architektur kommt immer dadurch ins Spiel, dass sie Unterscheidungen einführt. Darin liegt ihre Selbstreferenz. Architektur unterscheidet zunächst einmal zwischen innen und außen, zwischen einem Raum und dem nächsten, und erst in weiterer Hinsicht trägt sie Symbole, zeigt sie Form- und Materialwahl, oder nimmt sie stilistische Bezüge auf. Die Architektur der Polis, die im 8. Jh. v. Chr. entsteht, führt den Markt, und mit ihm die Fremden, in die Stadt ein, und sie tut dies, indem klar zwischen privaten „Häusern“ und einem öffentlichen Markt, der Agora, dem zentralen Platz, unterschieden wird. Durch die Architektur wird also eine Differenz eingeführt und aufrecht erhalten, die nicht absolut ist, sondern beliebig oft überschritten werden kann. Zugleich mit dem Markt und seiner Fähigkeit, Fremde einander näher zu bringen, wobei sie Fremde bleiben, entsteht ein neuartiges politisches System, das wir seitdem Demokratie nennen.

Die heutige Gesellschaft hat ihre Begegnungs- und Kommunikationsformen durch die Entstehung neuer Medien insoweit verändert, dass dem Markt in der Stadt keine zentrale Rolle mehr zuzukommen scheint. Ausgedient hat diese architektonische Erfindung jedoch keineswegs; was sich verändert, ist allein der Anwendungsbereich. Ein gutes Beispiel hierfür ist das 100x100 m große Projekthaus im Forschungs- und Innovationszentrum der BMW Group in München. Es besitzt ein weites Atrium, in dessen Mitte ein freistehendes Gebäude für jede Ebene eine eigene „Agora“ offen hält. Während in den umliegenden Büroflächen die einzelnen Fachbereiche angesiedelt sind, die an der Entstehung eines Fahrzeugs mitwirken – Motor, Karosserie, Elektronik usw. – kommt das Expertenwissen auf der Agora zusammen. Dort findet ein Rapid Prototyping statt, mit dem der Fortschritt in der Koordination des Fachwissens dargestellt und überprüft wird. Auch hier wird mit der Agora – im Prinzip gar nicht anders als in der antiken Polis – eine Unterscheidung eingeführt, nun aber zwischen den Fachdisziplinen mit ihren „Hausmachten“, und dem Fahrzeug als dem „großen Ganzen“. Fachwissen ist notwendig und unverzichtbar – aber für den Markt, auf dem das Unternehmen bestehen muss, ist das Fahrzeug entscheidend. Der Markt, prinzipiell außerhalb vom Unternehmen angesiedelt, wird in das Unternehmen eingeführt und sichtbar gemacht. Durch immer neue Begegnungen am Prototypen entsteht allmählich eine neue Kommunikationsform, in der sich Fachdisziplinen „als Fremde“ begegnen und austauschen, ohne miteinander zu verschmelzen, denn jede Begegnung wird hier wieder aufgelöst. Die architektonische Unterscheidung zwischen Büros und Agora erzeugt in den sozialen Kommunikationsnetzen des Unternehmens eine weitere, funktional unverzichtbare Unterscheidung, die jedem Hirnforscher vertraut ist: die zwischen starken und schwachen Bindungen.

Gunter Henn studierte an den Technischen Universitäten Berlin und München Architektur und Bauingenieurwesen. Das Büro HENN wurde 1979 von ihm in München gegründet und steht in der Nachfolge des Büros von Walter Henn. Gunter Henn war Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und Professor am Lehrstuhl für Industriebau und Center for Knowledge Architecture der TU Dresden.

Gunter Henn
Prof. Dr.-Ing. Architekt