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Verstehen

Prof. Dr. Gerhard Schulze

HENN Akademie, 22. November 2007

Die Moderne hat sich zunächst als Kultur des Rechnens entwickelt. Nun ist sie dabei, in eine Kultur des Verstehens überzugehen. Kennzeichnend für den ganzen bisherigen Verlauf der Moderne, die Gegenwart eingeschlossen, ist freilich ein klarer Rangunterschied zwischen der Welt des Rechnens und der Welt des Verstehens. Das Rechnen ist besser angesehen als das Verstehen. Warum?

In der Welt des Rechnens herrscht relativ große Sicherheit. Es gibt Gewinne und Verluste, es gibt Verkaufszahlen, es gibt die Messwerte im Windkanal, den Bremsweg, die Abgasnorm. Es gibt richtig und falsch, viel und wenig, hoch und tief.
In der Welt des Verstehens dagegen herrscht große Ungewissheit. Über Geschmack beispielsweise lässt sich zwar streiten, aber es gibt keine Sieger. Beim Verstehen hat man es mit lauter unscharfen, wolkigen, oszillierenden Phänomenen zu tun, die sich zwar nicht exakt messen lassen, die aber unbestreitbar real existieren. Es geht um Gefühle, Schönheitsideale, Lebensphilosophien, Muster alltäglicher Lebensführung.
In unserer Epoche kommt das Rechnen als dominante Fortschrittsstrategie der Moderne an eine Grenze. Keineswegs ist das Rechnen überholt, aber es genügt nicht mehr. Um die Moderne fortzusetzen, brauchen wir eine Erweiterung ihrer Intelligenz. Sie ist in einem ¬Stadium angelangt, in dem das Denken nicht mehr auf Sachen, Naturphänomene, Zählbares und Messbares beschränkt bleiben kann. Das Voranschreiten der Naturaneignung macht Kulturaneignung unausweichlich. Und Kulturaneignung vollzieht sich im Verstehen.
Der Übergang vom Rechnen zum Verstehen ähnelt dem Übergang vom Hausbau zum Wohnen. In der Bauphase wird die Technik gebraucht, in der Wohnphase Kultur.
Die Geschichte der Moderne lässt sich als kollektiver Lernprozess begreifen, in dessen Verlauf sich die Menschen die Natur immer umfassender aneigneten. Nun tritt dieser Lernprozess in ein neues Stadium ein. Das Verstehen ist die nächste Herausforderung der Moderne. Besonders weit sind wir aber noch nicht damit gekommen.

Prof. Dr. Gerhard Schulze ist Professor für empirische Sozialforschung an der Universität Bamberg. In seinen Veröffentlichungen beschäftigt er sich vor allem mit Fragen sozialen und kulturellen Wandels. Auf große Resonanz stießen seine Bücher „Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart“ und „Die beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert?“. Im Februar 2006 erschien im Hanser Verlag „Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde".

Gerhard Schulze
Prof. Dr.