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Persönlichkeit und Gehirn

Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth

HENN Akademie, 5. Juli 2007

Allgemein herrscht die Meinung vor, dass Verhalten sich am besten durch das Vortragen von möglichst einsichtigen Argumenten ändern lässt. Wer wollte sich glasklarer Logik verschließen? Die Realität sieht aber anders aus: unsere Mitmenschen akzeptieren entweder unsere glasklaren Argumente überhaupt nicht oder sie akzeptieren sie zwar verbal oder sogar oberflächlich überzeugt, ändern ihr Verhalten aber trotzdem nicht langfristig.
Neurowissenschaftliche und psychologische Untersuchungen zeigen, dass die Veränderbarkeit eines Menschen tief in seiner Persönlichkeitsstruktur verankert ist, und zwar über ein Wechselspiel genetischer „Vorgaben“, frühkindliche Prägungen und psychosoziale Erfahrungen im Kindes- und Jugendalter. Rationale ebenso wie bewusst-emotionale Erwägungen sind nur dann langfristig wirksam, wenn es eine Übereinstimmung dieser Erwägungen mit unbewussten emotionalen und affektiven Motiven gibt. Diese werden wesentlichen von sehr individuellen und meist unbewussten Risikoabschätzungen und Belohnungserwartungen bestimmt. Die Veränderbarkeit nimmt generell zum Erwachsenenalter hin stark ab, und zu diesem Zeitpunkt verändert sich ein Mensch nur in dem Rahmen, in dem die unbewussten Motivstrukturen dies zulassen. Wie der Berliner Psychologe Jens Asendorpf feststellt, suchen wir uns als ältere Jugendliche und als Erwachsene eher diejenigen Umweltbedingungen, die zu unserer Persönlichkeit passen, als dass wir uns in unserer Persönlichkeit diesen Bedingungen aktiv anpassen.
Größere Veränderungen sind im Erwachsenenalter nur möglich durch (1) Gehirnwäsche, schockartig oder sonstwie tiefgreifende Erlebnisse, (2) eine neue und herausfordernde Partnerschaft, (3) eine Psychotherapie, die manchmal entsprechend lange andauern kann, (4) häufige, immer in dieselbe Richtung zielende Einwirkungen. Aber auch solchen Eingriffen sind von der Persönlichkeit der Menschen her Grenzen gesetzt.

Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth studierte von 1963 bis 1969 als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes in Münster und Rom zunächst Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie und promovierte 1969. Zweitstudium der Biologie  u. a. in Berkeley, Kalifornien, das er 1974 an der Universität Münster mit einer weiteren Promotion in Zoologie beendete. 

Seit 1976 lehrt er als Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen, seit 1989 in der Funktion eines Direktors des dortigen Instituts für Hirnforschung. 1997 wurde er zum Gründungsrektor des Hanse-Wissenschaftskollegs ernannt.

Gerhard Roth
Prof. Dr. Dr.