Direkt zum Inhalt

Konfuzianismus & Asiatische Fehlerkultur

Dr. Manfred Osten

HENN Akademie, 15. Oktober 2009

In China ist der Konfuzianismus heute wieder Staatsdoktrin, nachdem er unter Mao Tse Tung während der Kulturrevolution verfemt und bekämpft worden war. In Deutschland fördern mittlerweile zehn Konfuzius-Institute vor allem das Erlernen des Chinesischen. 140 deutsche Gymnasien bieten inzwischen Chinesisch an, bis 2015 sollen in Europa mindestens 100 Millionen Menschen diese Sprache sprechen. Darin kann man ein über die Sprache vermitteltes Programm der Sinisierung erblicken, das für die westliche Welt mit Herausforderungen verbunden ist, die noch kaum zur Kenntnis genommen werden. Dies gilt insbesondere für einen Bereich, den man unter dem Begriff Know-how zusammen fassen kann und in dem sich abzeichnet, über welches geistige Kapital die Chinesen verfügen: Die Fehlerkultur, das an Höflichkeit und Dankbarkeit ausgerichtete Sozialverhalten und die kognitiven Prinzipien der chinesischen Sprache bilden einen einzigartigen Zusammenhang lebenslangen Lernens.

Die konfuzianische Fehlerkultur ist eine positive Fehlerkultur, die westliche dagegen eine negative. Der Westen hat Mechanismen entwickelt, Fehler nicht wahrzunehmen und zu verdrängen. Hinzu kommt, dass das Auftauchen von Fehlern reflexhaft mit der Suche nach dem Schuldigen beantwortet, die Fehleranalyse selbst aber verschleppt wird. Zu ihren Quellen gehört eine Schuldkultur christlichen Ursprungs, aber auch das ratio-orientierte, logozentrische Welt- und Menschenbild der europäischen Aufklärung, das eine perfektionistische, an gut und richtig, wahr und falsch orientierte Null-Fehler-Haltung befördert. Diese hat zwar den Natur- und Ingenieurwissenschaften zu großen Erfolgen verholfen. Das Verstehen nicht-linearer Prozesse stößt mir dieser Haltung aber an Grenzen, das Gleiche gilt für unsere ausgeprägten Hierarchien. Komplexe Prozesse, zu denen das Klima oder die Finanzkrise gehören, haben Folgen, die sich zunehmend unserer kognitiven und prognostischen Kompetenz entziehen. Die Funktionseliten werden von den relevanten Informationen immer weniger erreicht. Hinzu kommt die gegenwärtige Erosion unserer Memorialkultur, die den Zugriff auf die Fehlerarchive der Vergangenheit verbaut – und dies in einer Situation, in der die Fehleranfälligkeit wächst.
Die konfuzianische Fehlerkultur geht auf die Reisbauernkultur zurück, die auf dem Kollektiv der Familie, auf dem Geben und Nehmen von Wasser und dem sofortigen Erkennen von Fehlern gründet. Alles ist auf das Bewahren der Existenzgrundlage ausgerichtet. Mit der konfuzianischen Erziehung vermittelte, uns mitunter schwer verständliche Verhaltensformen – etwa die Bereitschaft, sich für kaum registrierbare Fehler ständig zu entschuldigen – dienen der Ausbildung von kollektiver Intelligenz und sozialer Kompetenz. Diese umfasst eine große Fehleroffenheit und eine Haltung der Höflichkeit und Dankbarkeit gegenüber den Lehrern als denen, die mehr Erfahrung haben als man selbst. Fehleroffenheit und die Bereitschaft zu einem exzellenzorientierten „Lernen nach oben“ ermöglichen eine Optimierung für das Kollektiv – eine Strategie, die in der Betriebswirtschaft als Toyota-System berühmt geworden ist. Von einem Gleichheitsprinzip kann also keine Rede sein, wohl aber von einer stetigen Verbesserung als einer kollektiven Leistung. Das Lernen vom konfuzianischen Lernen hat in Deutschland eine lange Tradition: Der große Aufklärer und Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz hat versucht, aus der positiven Fehlerkultur des Konfuzianismus Anregungen dafür zu gewinnen, wie Deutschland und Europa aus der Barbarei des 30-jährigen Krieges wieder heraus fänden. Und Johann Wolfgang von Goethe, dessen Namen die deutschen Kulturinstitute führen, war ein großer Verehrer des Konfuzius, und mehr als ihm wohl bewusst war, hat „der Konfuzius von Weimar“ dessen Gedanken auf eine eigentümliche Weise selbst propagiert.

Dr. Manfred Osten geb. 1938 in Ludwigslust studierte Rechtswissenschaften, Philosophie, Musikwissenschaften und Literatur in Hamburg und München, sowie Internationales Recht in Luxemburg. 1969 promovierte er „Über den Naturrechtsbegriff in den Frühschriften Schellings“. Im selben Jahr tritt er in den Auswärtigen Dienst ein, wo er in deutschen diplomatischen Missionen in Paris, Kamerun, Tschad, Australien und Japan tätig war. Von 1995 bis 2004 war er Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn. Er publiziert vor allem kulturwissenschaftliche und kulturhistorische Texte.

Manfred Osten
Dr.