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Leben im Büro

Dr. Christoph Bartmann

HENN Akademie, 11. Juli 2013

Geht es uns Angestellten, auch und gerade den öffentlich Angestellten, nicht richtig gut?  Ganz abgesehen von den Segnungen des Tarifvertrags genießen wir mancherlei Freiheiten, von denen unsere Vorfahren in ihren Amtsstuben nur geträumt hätten. Gleitende Arbeitszeit? Das war gestern. Inzwischen arbeiten wir überall, wo unsere Smartphones funktionieren, zu Hause, am Flughafen, im Urlaub, bei Tag und Nacht, und manchmal sogar im Büro. Ob das für die „Work Life Balance“ nun gut ist oder schlecht, wird heftig diskutiert. Eine andere neue Freiheit besteht darin, dass kein Chef uns länger sagt, was wir zu tun haben. Wir steuern uns vielmehr selbst, nachdem wir zuvor Ziele vereinbart haben, in einem Jahresgespräch. Ansonsten sind wir frei und jagen unseren Zielen nach, auf deren Erreichung eine neue Zielvereinbarung folgt. So will es das New Public Management, mit dem die öffentlichen Verwaltungen dieser Welt seit zwei Jahrzehnten auf Effizienz, Sparsamkeit und Folgsamkeit getrimmt werden. Kaum einer glaubt an all die neuen „Instrumente“ und ihren Nutzen, aber da es sie nun gibt, werden sie weiter bedient.

Mit der neuen Freiheit, nunmehr ein „Manager“ zu sein und „unternehmerisch“ zu handeln, betritt der Angestellte eine schöne neue Welt. Ein Rückweg in die alte und gern verspottete Welt der alten Bürokratie ist – aus gutem Grund – nicht vorgesehen. Freilich züchtet das New Public Management mit seinem Regime der Evaluationen, Audits, Qualitätsstandards und „Best Practices“ eine neue Bürokratie heran, gegen die sich die alte geradezu harmlos ausnimmt. An unseren Arbeitsplätzen werden wir Zeugen einer höchst merkwürdigen Revolution, der alle zu folgen haben, für die sich aber keiner verantwortlich erklärt. Ihre Mission ist der immerwährende „Change“, ihre Zwangsvorstellung die „Performance“ und ihr Lieblingsmedium die Power Point – Präsentation.  Und ihre Konsequenz heißt, allem Anschein nach, „Burnout“. Die heutige Büroverfassung ist, wie man gerne sagt, „alternativlos“,  was nur heißen kann, dass sie ganz besonders der Kritik bedarf.

Dr. Christoph Bartmann, geboren 1955, studierte Germanistik und Geschichte und ist seit 2011 Direktor des Goethe-Instituts in New York, außerdem regelmäßiger Rezensent der Süddeutschen Zeitung. Im Carl Hanser Verlag erschien zuletzt: „Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten“ (2012, ISBN 978-3446238770).

Christoph Bartmann
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