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Verkörperte Erfahrungen

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Gerald Hüther

HENN Akademie, 24. Januar 2008

Wer Architektur entwirft und baut, bringt dabei immer bestimmte Vorstellungen zum Ausdruck, die er durch Erfahrung gewonnen hat. Mit Architektur aber wird immer auch gleichzeitig eine Welt gestaltet, die Einfluss darauf hat, welche Erfahrungen Menschen machen können und welche Vorstellungen sie dabei entwickeln. In der Architektur wie auch in der Forschung ist es manchmal wichtig, über alte Vorstellungen hinaus zu gelangen. Dies kann vor allem dann gelingen, wenn unterschiedliche Erfahrungshintergründe in Austausch geraten, und wenn wir es schaffen, dabei unvoreingenommen zu sein und zu enge Denkmuster los zu lassen.

Eine Voraussetzung hierfür liegt im richtigen Gebrauch, den wir von unserem Gehirn machen. Wir sind selbst verantwortlich für unser Gehirn. Es geht darum, uns selbst und anderen Menschen Momente der Offenheit, der unvoreingenommenen Wahrnehmung und des spielerischen Umgangs mit jeweiligen Potenzialen zu ermöglichen.

In der Gehirnforschung erleben wir seit einiger Zeit den Übergang von einem linearen zu einem dynamischen Modell, d.h. von der Vorstellung irreversibler Reifungs- und Verfallsprozesse zu einer Betrachtung der Nutzungsbedingungen, durch die die Verschaltungsmuster im Gehirn ein Leben lang beeinflusst werden. Aus dieser Plastizität unseres Gehirns folgt eine große Verantwortung, die wir für die Erziehung und generell für die Gestaltung unserer Lebens- und Arbeitsbedingungen haben.

Weil bei den Erfahrungen, die sich unserem Gehirn einprägen, Gefühl und Kognition immer zugleich beteiligt sind, kommen wir später über die Kognition alleine an die aus diesen Erfahrungen entstandenen inneren Einstellungen und Haltungen nicht mehr heran. Was Menschen tun müssten, um sich zu ändern und andere Einstellungen und Haltungen zu entwickeln, besteht darin, neue Erfahrungen zu machen. Dazu aber kann man Menschen nicht zwingen, aber einladen, ermutigen, vielleicht auch inspirieren. Wenn Architektur das schafft, verändert sich nicht nur die Einstellung von Menschen, sondern auch ihre Gehirne.

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Gerald Hüther ist Professor für Neurobiologie und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg. Wissenschaftlich befasst er sich mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen.

Gerald Hüther
Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil.