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Was wissen wir über das Wissen

Prof. Dr. phil. Armin Nassehi

HENN Akademie, 22. April 2010

Wissen war einmal die Lösung für das Problem, wie man unabhängig von Autoritäten Geltungsansprüche durchsetzen kann. Wissen, das unabhängig von dem gilt, der es äußert, entfaltete im Zeitalter der Aufklärung emanzipatorisches Potential, mit praktischen Konsequenzen für die Gesellschaft. Vormoderne Herrscher konnten noch durch Meinen herrschen, und die Geltung ihrer Sätze stützte sich auf ihre Position. Durch Wissen erst wurde es möglich zu behaupten, dass jemand Unrecht hat, obwohl er in der Hierarchie über einem steht. Diese Sicht auf das Wissen hat sich seitdem unmerklich verschoben: Heute untersucht die Soziologie die Bedingungen, unter denen wir Sätze als Wissenssätze behandeln. Die Frage ist nicht mehr, was Wissen tatsächlich ist, sondern wie es kursiert, d.h. was wir miteinander tun und sagen, wenn es um Wissen geht, und welche Folgen das hat für die Art und Weise, wie die Gesellschaft funktioniert.

Den Blick auf die Sprache zu wenden liegt nahe, sind es doch üblicherweise Sätze, in denen uns Wissen begegnet. Wer z.B. in einer Stadt nach dem Bahnhof fragt und die Antwort bekommt „Der Bahnhof ist da vorne rechts“, der fasst diesen Satz als ein Wissen auf, das unabhängig von dem ist, der es äußert, und auch unabhängig von dem Satz, mit dem es geäußert wird: Der Bahnhof „ist“ einfach dort. Diese Unabhängigkeit gilt auch für den Fall, dass der Satz sich als falsch herausstellt. Heißt die Antwort: „Ich meine, er ist da hinten links“, dann besteht die Information zunächst einmal darin, dass der Sprecher etwas meint. Nur in der ersten Antwort erscheint die Welt unabhängig von der Beschreibung und von dem, der etwas weiß. Beide Antworten können den Reisenden zum Ziel führen; in der Art und Weise, wie hier Wissen „aufgeführt“ wird, sind sie aber grundverschieden. Dieses Beispiel gibt eine Idee davon, dass Wissen letztlich an Kontexte gebunden ist, in denen gesprochen und gehandelt wird und in denen es sich bewährt.
Wissen hat diese performative Seite, es tritt uns immer mit einer bestimmten „performance“ entgegen, die man beherrschen muss, wenn man sich anschlussfähig zeigen will an das, was andere tun und sagen. Wissen muss in konkreten sozialen Situationen immer neu „aufgeführt“ werden. Das gilt auch für wissenschaftliches Wissen. In Expertenkulturen, etwa der von Ärzten, kann man bis in den Habitus hinein verfolgen, wie Wissen formuliert und in den konkreten Umgang mit Patienten oder Kollegen eingebracht wird. In diesen Praxisformen suchen wir heute die Bedingungen des Wissens.
Wissen bewährt sich praktisch und baut sich in der Zeit auf, man kann sich dies als Kondensierungspraktiken vorstellen. Damit aber gerät die Idee der Aufklärung ins Wanken, Sätze seien Wissenssätze aufgrund von gültigen objektiven Sachkriterien. Statt uns Wahrheiten über die Welt mitzuteilen, erscheint das Wissen als ein in sich geschlossenes Abbild der Welt insgesamt – und diese Abbilder können weit auseinander liegen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass sich Expertenaussagen immer wieder radikal widersprechen. Die Analyse der Praktiken des Wissens lehrt uns, dass Wissen die Form ist, mit der wir gemeinsam einen unmittelbaren Zugang zur Welt simulieren. Diese Formen können wir genauso wenig ad hoc verlassen, wie wir an unserem Auge vorbeisehen oder an unserem Tastsinn vorbeitasten können.
Daher wird Wissen heute zum Problem: Was zu gut gewusst wird, kann uns daran hindern, rechtzeitig die richtige Lösung zu finden. Architekten wissen dann immer schon, wie Häuser aussehen, wie Straßenzüge aussehen, was Raumlösungen sind. Es ist notwendig, genauer hin zu sehen, welche praktischen Formen es eigentlich sind, die unseren Blick durch das Wissen verstellen, und wie man sie umgehen kann. Darum bedeutet Aufklärung heute nicht mehr, das Meinen, sondern eher, das Wissen destruieren zu können.

Prof. Dr. phil. Armin Nassehi geb. 1960 in Tübingen, aufgewachsen in München, Teheran und Gelsenkirchen. Studium der Philosophie. Soziologie und Erziehungswissenschaften in Münster und Hagen. 1992 Promotion und 1994 Habilitation in Soziologie. Seit 1998 Inhaber des Lehrstuhls I für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Arbeitsgebiete sind die Kultursoziologie, Wissenssoziologie, Politische Soziologie. Zugleich Vortragender und Berater für Unternehmen unterschiedlicher Branchen.

Armin Nassehi
Prof. Dr. phil.